Pilznetzwerke
Was zeichnet lebendige Böden aus? Eine große Vielfalt an Lebewesen, Mikroorganismen und Pilzen. Sie sind umso zahlreicher, je mehr unterschiedliche Pflanzen an einem Ort wachsen.
Während Bodenlebewesen einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, gibt es oft Missverständnisse in Bezug auf Pilze. Uns sind vor allem ihre Fruchtkörper vertraut, die man vorwiegend in Wäldern sammeln kann. Die Pilze selbst befinden sich jedoch im Boden und durchziehen ihn mit ihrem Mycel. Deshalb werde ich in der Folge von Pilznetzwerken sprechen. Diese Netzwerke kooperieren untereinander, mit den anderen Lebewesen und mit den Pflanzen. Wenn sie symbiotische Verbindungen mit Pflanzen eingehen, spricht man von Mykorrhizae.
In lebendigen Böden wachsen gesunde, nährstoffreiche Pflanzen. Eine der Voraussetzungen dafür sind funktionierende Pilznetzwerke und ein Reichtum an Mikroorganismen.
Ungefähr ein Drittel der Biomasse von Pflanzen befindet sich im Boden, wo Wurzeln und Pilze eine Symbiose eingehen, die man Mycorrhizae nennt. Die damit verbundenen Pilznetzwerke sind so lebenswichtig für die Pflanzen, dass diese im Austausch zwanzig bis dreißig Prozent ihres Photosyntheseprodukts Zucker an sie abgeben.
In den europäischen Wäldern herrschen Ectomycorrhizae vor, deren Reproduktionsorgane uns wohl bekannt sind: Eierschwammerl, Steinpilz, Röhrling, Fliegenpilz etc.
Hingegen reproduzieren sich Endomycorrhizae im Boden und sind uns vielleicht auch deshalb weniger vertraut. Dennoch spielen sie in unseren Breiten eine wichtige Rolle für Obstbäume und viele Kulturpflanzen.
Weißdorn und Brombeeren sind sowohl mit Ectomycorrhizae als auch mit Endomycorrhizae kompatibel und verbinden die Netzwerke miteinander. Sie sind daher der ideale Übergang zwischen Wald- und Kulturflächen.
Nährstoffe und Mikroorganismen
Pilznetzwerke versorgen die Pflanzen mit den Nährstoffen, die sie brauchen, wie Spurenelemente, Phosphor, Pottasche, Stickstoff etc. Manche Pilze und Bakterien lösen Mineralstoffe aus dem Muttergestein und verteilen sie im Netzwerk. Andere zersetzen organische Materie und machen die Inhaltsstoffe wieder verfügbar.
In den weitläufigen Netzwerken werden nicht nur Nährstoffe dorthin transportiert, wo sie gebraucht werden, sondern auch Bakterien.
Mycel von Cunninghamella, einem Pilz, der Holz zersetzt, und Pseudomonas, Bakterien, die Stickstoff fixieren.
Durchmesser des Myceliums: 5 bis 6 Mikrometer
Das Mycel ist von Wasser in einem suprafluiden Zustand umgeben, in dem sich Mikroorganismen sehr viel schneller dorthin bewegen können, wo sie gebraucht werden. Gleichermaßen kann der Transport von Nährstoffen rascher vonstatten gehen.
Im Boden herrscht ständig Bewegung, wir können sie nur mit unseren Augen nicht wahrnehmen.
Informationsaustausch und Schutz
Mehrjährige Pflanzen und natürlich insbesondere Bäume speichern die Erinnerung an alles, was ihnen bereits widerfahren ist und auch an die Mechanismen, durch die sie überlebt haben. Pilznetzwerke können diese Informationen an andere Pflanzen weitergeben. Das können Anpassungen an klimatische Veränderungen sein, aber auch Warnungen vor Angriffen.
Wird eine Buschbohne von Blattläusen befallen, kann sie ihre Zellwände verstärken. Die entsprechende Information wird an alle Zellen geschickt und befindet sich auch im absteigenden Pflanzensaft. Hat die Buschbohne Mykorrhizae gebildet, landet ein Teil ihres angereicherten Saftes im Pilznetzwerk. Die darin enthaltenen Informationen stehen somit auch anderen Pflanzen zur Verfügung. Buschbohnen in der Umgebung erfahren, dass Blattläuse vorhanden sind und können ihre Zellwände bereits präventiv verstärken.
Wenn eine Pflanze keine ausreichende Symbiose mit nützlichen Pilzen eingegangen ist, können sich schädliche Pilze einnisten und ausbreiten.
Beispiele: manche Arten von Phytophthora
Phytophtora infestans: Erreger der Kraut- und Braunfäule bei Kartoffeln und Tomaten
Mehltau, Apfelschorf
Wasser
Wenn ein Boden über ein funktionierendes Pilznetzwerk verfügt, wie z.B. in einem natürlich gewachsenen Wald, wird Regenwasser augenblicklich wie von einem Schwamm aufgesogen und über die ganze Tiefe des Bodens verteilt. Diese Wasserreserve steht den Pflanzen in der Folge zur Verfügung, oft bis in einen trockenen Sommer hinein.
Die dafür nötige Porosität des Bodens kann nur durch Pilze, Mikroorganismen und Bodenlebewesen hergestellt werden, nicht durch Pflügen. Größere Poren sorgen dafür, dass überschüssiges Wasser abtransportiert wird.
Pilze, die Zugang zu einem Bach oder Teich haben, verteilen das Wasser ebenfalls im Netzwerk, bis zu 150 Meter in alle Richtungen. Sie können es auch aus bis zu 50 Meter Tiefe herauf holen.
Gewisse, vor allem immergrüne Pflanzen, sind in der Lage, Wasser aus der Luft aufzunehmen. In der Folge wird es ins Netzwerk eingespeichert und kann von anderen Pflanzen genutzt werden.
Das Wasser transportiert Mineralstoffe und Spurenelemente. Eine Pflanze wird so lange Wasser saugen, bis sie alle Nährstoffe bekommen hat, die sie braucht.
Wenn in einem Garten Bäume vorhanden sind, kann die vier- bis fünffache Wassermenge im Boden gespeichert werden.
Vielfalt
Pilznetzwerke verbinden verschiedene Aspekte miteinander. Mit zunehmender Artenvielfalt an Pflanzen steigt die Anzahl und die Aktivität der Pilznetzwerke, wodurch alle Pflanzen besser versorgt und geschützt werden können.
Auf einem Feld oder in einem Garten mit vorwiegend einjährigen Kulturpflanzen werden die Pilze eher spärlich sein. Gibt es darum herum aber gewisse Bäume, Büsche und Lianen, kann sich das Mycel bis in den Garten ausbreiten.
An den Wurzeln eines Apfelbaums in einer naturbelassenen Umgebung wurden 187 verschiedene Pilzarten gefunden. Dieser Baum ist mit so vielen Netzwerken verbunden, dass ihm alle Nährstoffe und Mikroorganismen, die er braucht, frei zur Verfügung stehen.
An einem alleinstehenden Apfelbaum in einer Wiese wurden nur fünf unterschiedliche Pilze festgestellt.
Unnatürliche Eingriffe
Wenn Kunstdünger aufgebracht wird, hat die Pflanze keine Veranlassung mehr, mit den Pilzen zusammenzuarbeiten.
Manche Kulturpflanzen haben die Fähigkeit, Mykorrhizae zu bilden, sogar gänzlich verloren. Noch dazu töten die Phosphate im Kunstdünger die Pilze.
Pflügen und Umgraben zerreisst das Mycel.
"Unlebendige" Böden führen zu Erosion. Regen schwemmt die Humusschicht weg, das Grundwasser wird nicht aufgefüllt.
Wir können uns viel Arbeit ersparen, wenn wir den Boden in Ruhe lassen. Pilze, Mikroorganismen und Bodenlebewesen wissen selbst am Besten, was zu tun ist. Wir fördern sie unter anderem, indem wir sie mit organischer Materie versorgen, die noch nicht kompostiert ist. Dann schaffen sie alles heran, was die Pflanzen brauchen.
Unter den Pflanzen ist Konkurrenz nicht so verbreitet wie symbiotische Zusammenarbeit, die viel weniger Energieaufwand erfordert.
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